Eine Dekade Wandel

10 Jahre Hamburg Kreativ Gesellschaft. 10 Jahre Entwicklungsgeschichte der Kreativwirtschaft. Ein guter Zeitpunkt, Bilanz zu ziehen, lassen sich mit dem Blick auf Vergangenes doch gleichzeitig auch Zukunftsszenarien entwerfen. Christian Heise, Strategic Partner Lead News Products bei Google, im Gespräch mit Kultursenator Carsten Brosda.

Heise: Carsten, wir wollen über die Hamburg Kreativ Gesellschaft sprechen und die Kreativwirtschaft an sich. Was ist denn das Neue an der Kreativ Gesellschaft in Hamburg?

Brosda: Die Hamburg Kreativ Gesellschaft gibt es mittlerweile seit zehn Jahren. Wir haben sie seinerzeit eingerichtet, weil wir einen Mittler schaffen wollten zwischen der Politik auf der einen Seite und zwischen den vielen, häufig auch kleinteilig organisierten Unternehmen und Akteuren in der Kreativwirtschaft auf der anderen Seite. Es ist wichtig, solche Schnittstellenakteure zu haben, die dabei helfen, dass man besser miteinander klarkommt und in beide Richtungen übersetzen kann.

Es gibt eigentlich jedes Jahr etwas Neues an der Kreativ Gesellschaft, weil die Kreativwirtschaft sich permanent verändert. Vor zehn Jahren hat man angefangen zu überlegen, was für die einzelnen Teilmärkte sinnvoll ist. Wir stellen immer mehr fest, dass das gar nicht der Kernpunkt ist heutzutage. Vielmehr müssen wir uns die Frage stellen: Was lernen wir eigentlich aus der Kreativwirtschaft und ihren besonderen Techniken, auch für die gesamte Wirtschaft, und wie bringen wir das in andere Prozesse mit hinein? Das bleibt immer spannend, weil es eines der dynamischsten ökonomischen Felder ist, die wir haben.

H Wo warst du vor zehn Jahren, als die Kreativ Gesellschaft gegründet wurde?

Da war ich noch in Berlin und habe Politik gemacht. Insofern kann ich keinerlei Vaterstolz reklamieren; ich bin sozusagen Adoptivvater seit ein paar Jahren. 

H Wenn wir unseren Blick auf die elf Teilmärkte der Kreativwirtschaft richten, stellt sich mir die Frage, warum es so viele unterschiedliche Silos gibt. Ist das gewünscht, gewollt? Wie hat sich das verändert im Rahmen der Digitalisierung?

B Na ja, diese elf Teilmärkte sind entstanden, weil man irgendwann angefangen hat, Statistiken darüber zu schreiben, wohin welches Unternehmen gehört – in Deutschland haben wir ja für alles gerne eine ordentliche Schublade. Irgendwann hat man dann gesagt, diese Schubladen sind jetzt die kreativwirtschaftlichen Schubladen. Mittlerweile begreift man aber besser, dass es selbst zwischen diesen Teilmärkten Bezüge gibt, die man auch nutzen kann. Natürlich verändern sich gerade diese Prozesse durch die Digitalisierung als erstes, weil es häufig um Güter geht, die entweder immateriell sind oder sehr schnell immateriell werden können und damit für die Digitalisierung im Prinzip idealer Inhalt sind. Wir alle erinnern uns daran, dass die Musikwirtschaft im Jahr, nachdem sie die meisten CDs verkauft hatte, feststellte, dass das Trägermedium für den digitalen Inhalt irgendwann obsolet sein wird, wenn die Bandbreiten groß genug sind. Und auf einmal gab es Napster, The Pirate Bay und ein paar andere nicht ganz legale Vermarktungsmöglichkeiten. Da musste man sehr schnell wirtschaftliche Systeme entwickeln, mit denen man sich diesen Markt zurückholte, Stichwort Spotify. Das heißt, wir erleben häufig die Effekte von digitalen Trends als erstes in kreativwirtschaftlichen Bereichen, weil diesen eine Pionierfunktion innewohnt und wir darüber herausfinden können, wie Märkte neu funktionieren und was für sie drei, vier, fünf, sechs Jahre später von Relevanz sein kann.

H Und was bedeutet das genau für die Kreativ Gesellschaft bezüglich dieser Verzahnung?

Für die Gesellschaft wiederum bedeutet das, dass sie sich auch um die Digitalisierungsthemen kümmert. Wir haben vor ein paar Jahren deswegen das Netzwerk nextMedia.Hamburg der Kreativ Gesellschaft zugeordnet. Davor haben wir zwei Jahre lang an der Frage gearbeitet, wie sich Inhalte und Geschäftsmodelle durch neue digitale Technologien verändern und welche Transformationsprozesse durch die Digitalisierung entstehen. Wir haben dann entschieden, ein Medienunternehmen für die Clusterzuordnung nicht mehr nach der klassischen Abgrenzung zu bestimmen. Sondern das Cluster wurde nach dem Muster definiert, dass alle, die das Merkmal der digitalen Transformation von Content-Geschäftsmodellen erfüllen, Teil dieses Clusters sein können. Die Verbindung zur Kreativ Gesellschaft ist also deshalb entstanden, weil wir gesagt haben, dass da ein Wissen ist, das eigentlich für alle anderen Bereiche der Kreativwirtschaft auch relevant ist und wir dadurch viel mehr Schnittstellen haben, an denen wir zusammen und interdisziplinär arbeiten können.

H Welche Rolle spielt die Stadt Hamburg als progressive Stadt und wie bedient sie das Thema Smart City in so einem innovationsträchtigen Rahmen? 

B Auf verschiedenen Ebenen. Noch in vor-kreativwirtschaftlichen und vor-digitalen Zeiten hat diese Stadt wahrscheinlich eine der tiefgreifendsten Disruptionen für sich selber durchgeführt, als nämlich in den Sechzigerjahren die Idee aufkam, man könne Schiffe mit Containern beladen und nicht mehr nur mit Säcken. Die meisten Städte, die sich damals dagegen entschieden, haben heute keinen Hafen mehr. London zum Beispiel. Hamburg hat sich hingegen sehr früh dafür entschieden. Und diesen Mut, diesen disruptiven ersten Schritt vielleicht früher als andere zu gehen, den muss eine Stadt wie Hamburg weiterhin haben. Zweitens muss es darum gehen, dass wir Innovationswissen hier am Standort generieren und dann auch in die Unternehmen bringen. Da wiederum leisten die Kreativwirtschaft und die Kreativ Gesellschaft Herausragendes: Wir haben vor ein paar Jahren eine Ringvorlesung etabliert, bei der wir mit allen kreativwirtschaftlich relevanten Forschungseinrichtungen und Ausbildungseinrichtungen zusammen erarbeiten, was sich eigentlich im Bereich Kreativwirtschaft tut. Wir versuchen einerseits die Vernetzung der Institutionen untereinander, andererseits aber auch der Unternehmen mit den Institutionen enger voranzutreiben. Da ist noch eine ganze Menge zu tun, aber das geht nicht ohne die Stadt als Rahmensetzer und als Infrastrukturgeber.

H Welche Rolle spielt die Kreativ Gesellschaft in der Innovationsstrategie der Stadt Hamburg ganz konkret in drei Punkten?

Lustig, wir schreiben die ja noch, insofern wäre das jetzt eine Sneak Preview.

H Genau das war die Idee der Frage.

Wir sind gerade intensiv dabei, einen bislang sehr engen technologiezentrierten Innovationsbegriff auf einen deutlich offeneren umzubauen. Insofern spielt es eine entscheidende Rolle zu lernen, dass es auch um Prozess- und Produktinnovationen geht und nicht nur um Technologieinnovationen. Das ist sicherlich das Erste, was wir aus der Kreativwirtschaft lernen können. Das Zweite ist die Affinität zu agilen Innovationsprozessen. Wir müssen Innovationen immer stärker auch in klassischen Wirtschaftsbereichen nicht mehr nur als das ingenieursgetriebene Verfertigen der Perfektion begreifen, sondern tatsächlich in diese offenen Entwicklungsprozesse hineingehen, in denen ich auch mal eine Beta-Version auf den Markt werfe, gucke was passiert und diese dann gemeinsam mit meinen Kundinnen und Kunden weiterentwickle. Und das Dritte ist, dass wir Kreativwirtschaft und kreativwirtschaftliches Innovieren auch als einen alternativen oder ergänzenden Treiber zu den klassischen Innovationskonstellationen etablieren.

H Jetzt haben wir viel über Kreativwirtschaft gesprochen, sind aber in der Behörde für Kultur und Medien. Welcher Bereich außerhalb der Fokussierung auf rein ökonomisierte Kennzahlen soll noch adressiert werden? Wie kann man bspw. sicherstellen, dass es nicht nur darum geht, den wirtschaftlichen Aspekt zu fördern, sondern eben auch den kulturellen oder den digitalen, medialen?

Ich finde, das hängt alles ganz eng zusammen. Ich bin unglaublich dankbar dafür, dass wir in Hamburg diesen Behördenzuschnitt haben, weil die meisten anderen Kulturministerien in Deutschland meistens nur fördern. Der wirtschaftliche Teil spielt keine Rolle. Unser Vorteil in Hamburg ist, dass wir alles aus einer Hand entwickeln können und insofern auch das gesamte kultur- und kreativwirtschaftliche Feld im Blick haben. Das begründet sich meiner Meinung nach in der inhaltlichen Dimension von Kreativwirtschaft, die immer auch Arbeit am gesellschaftlichen Sinn ist, und nur selten ein reines ökonomisches Produkt im Blick hat. Meistens gibt es noch eine weitere Dimension, die etwas mit der menschlichen Kreationsleistung zu tun hat, mit der Ausdeutung von gesellschaftlichen Situationen, mit dem Anbieten von Entdeckungs- und Erfahrungszusammenhängen für Kundinnen und Kunden. In der klassischen Medientheorie wird das als Zweiwertigkeit oder Dualität des Produktes beschrieben.

Einerseits hat ein Produkt eine ökonomische Funktion, aber es ist darüber hinaus auch immer mehr als nur ein Mittel, um Geld zu verdienen. Es hat auch noch einen gesellschaftlichen Sinn und das ist bei den allermeisten kreativwirtschaftlichen Produkten auch so. Man darf das Produkt nur nicht mit dem Zweiten so sehr überfrachten, dass das Ökonomische nicht mehr funktioniert.

H Wie muss die Hamburg Kreativ Gesellschaft ausgestattet sein, um genau diese Aufgabe stadtentwicklungsperspektivisch wahrzunehmen? Also neue Räume zu schaffen, alte Räume zu schützen, ohne zu gentrifizieren. Das ist doch eine Triage, die nur schwer erreichbar ist oder?

B Das ist die Quadratur des Kreises. Gleichwohl ist es für die Akzeptanz notwendig. Für mich funktioniert das jedoch nur plausibel, wenn es eine Aufwertung ohne Verdrängung ist. Das wird die Kreativ Gesellschaft nicht alleine können, das muss man ganz nüchtern sagen, denn sie ist ein Akteur, der das Interesse eines bestimmten Spielers in diesen Stadtentwicklungsprozessen vertritt – und das sind die Künstler und Kreativen. Das ist logischerweise auch das Mandat der Kreativ Gesellschaft, aber sie muss mit am Tisch sitzen, wenn wir solche Stadtentwicklungsprojekte haben. Wir müssen diese Aspekte frühzeitig auch bei der Entwicklung größerer Prozesse mitdenken. In Stadtvierteln wie Hammerbrook, die unmittelbar hinterm Hauptbahnhof liegen, haben vor dem Zweiten Weltkrieg 80.000 Menschen gelebt. Heute sind es zweieinhalbtausend. Und da stellt sich natürlich die Frage, wie revitalisiere ich einen solchen als Bürostadt in den 60er-Jahren wieder aufgebauten Stadtteil? Wie bringe ich hier wieder mehr Lebensaspekte rein, wie bringe ich Wohnaspekte rein und wie schaffe ich ein gemischtes Quartier? Für diese Fragen sind kreativwirtschaftliche Akteure sehr gute Pioniere, weil sie genau für solche Bedarfe Lösungen entwickeln, die insgesamt zur Lebensqualität beitragen.

H Jetzt bist du auf das Spannungsverhältnis zwischen Kultur und Wirtschaft eingegangen und hast auch beschrieben, wo du die Abgrenzung siehst. Wie sieht es denn beim Thema Kreativ Gesellschaft und Wissenschaft aus? Wie stellst du dir da eine Verbindung vor?

B Es gibt natürlich ein Spannungsfeld zwischen der Art und Weise, wie man kreativwirtschaftliche Innovationsprozesse gestaltet und wie man es wissenschaftlich tut. Ich glaube aber auch, dass wir noch mehr wissenschaftlich strategisches Wissen in manchen Kreativwirtschaftsbereichen gebrauchen könnten. Also wenn ich den Bereich schaue, aus dem ich selber ursprünglich komme – ich habe mal für eine Zeitung gearbeitet – dann entdecke ich in Redaktionen noch nicht per se eine Innovationskultur, die mir unmittelbar nahe legt, dass sie wissenschaftsgetrieben ist. Ich glaube da gäbe es gerade angesichts der dramatischen technologischen Veränderungen schon die eine oder andere Möglichkeit, auch mal in geschützte Laborbereiche und Experimentierbereiche zu gehen und Dinge wissenschafts- und methodengestützt auszuprobieren. Das setzt aber umgekehrt auch voraus, dass sich die Wissenschaft darauf einlässt.

H Denken wir zehn Jahre weiter und sowohl die Kreativ Gesellschaft als auch die Kreativwirtschaft wird weiter gestärkt. Wo steht die Kreativ Gesellschaft in zehn Jahren?

B Ich glaube die Kreativ Gesellschaft wird in zehn Jahren die Wirtschaftsfördereinrichtung für einen großen Teil der städtischen Wirtschaft sein, nämlich für den Bereich der Kreativwirtschaft, von dem ich fest überzeugt bin, dass er weiter wachsen und weiter an Bedeutung gewinnen wird. Vor allen Dingen wird die Kreativwirtschaft – und das wird das Spannende sein, von dem ich noch nicht weiß, wie wir es am Ende auf Dauer managen werden – immer ausgefranstere Ränder haben. Was ich damit meine ist, dass wir nicht mehr diese elf Schubladen haben, von denen ich eingangs gesprochen habe.

H Letzte Frage: Was wünscht sich der Bürger Carsten Brosda von der Kreativwirtschaft? Sie sind ja nicht nur Bediensteter, sondern auch Bürger der Stadt. Was wäre Ihr Wunsch an die Kreativwirtschaft?

B Gute Produkte. Ehrlicherweise nutzt jeder von uns im Alltag, und dazu gehöre ich auch, jede Menge kreativwirtschaftliche Produkte. Das fängt bei den Zeitungen an, die ich morgens lese, geht über die Bücher weiter, die Filme die ich rezipiere, die Games, die ich spiele, die Musik, die ich höre, bis hin zu den Gegenständen, mit denen ich mich umgebe. Es gibt kaum einen Aspekt unseres Alltags, der nicht von Kreativwirtschaft berührt ist. Und ich wünsche mir einfach, dass da viele Leute sitzen, die mit Leidenschaft daran arbeiten und fest daran glauben, dass man gute Produkte erstellen kann, die tatsächlich die Qualität des Lebens für jeden Einzelnen verbessern können. Man kann mich mit kreativwirtschaftlichen Produkten ganz schön glücklich machen. Insofern hoffe ich, dass sie mich auch weiterhin glücklich machen werden.

H Vielen Dank, Carsten, für das Gespräch.

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