27.8.2021

Mind the Progress

Digitalisierung verstehen bei Mind the Progress 2021: 5 Erkenntnisse

Moderator Wolfgang Wopperer-Beholz hat durch den Kongress geleitetModerator Wolfgang Wopperer-Beholz hat durch den Kongress geleitet

 

Mind the Progress, das steht für Diskussionen, Anregungen und Impulse für eine digitale Zukunft. Letzten Freitag und Samstag war es wieder soweit – unser Kongress wurde im Hamburger Oberhafen und online zum Raum für die großen digitalen Themen. Eine Frage stand dabei im Zentrum: Warum können wir eigentlich so schlecht mit Digitalisierung umgehen? Warum sehen wir uns abends „The Social Dilemma“ auf Netflix an und posten am nächsten Morgen unseren Kaffee auf Instagram? Warum lesen wir durch die AGB, verstehen nichts und drücken trotzdem auf ‘AGB akzeptieren‘? Wir haben bei Mind the Progress ganz unterschiedliche Perspektiven von Politik bis Kunst zusammengetragen und festgestellt: Digitalisierung kann man nicht als technologisches, sondern muss es als soziotechnologisches System verstehen. Unsere Speaker*innen haben für uns die Beziehung zwischen Gesellschaft und digitalem Raum, zwischen Individuen und Algorithmen, zwischen wirtschaftlichen Interessen und Privatsphäre unter die Lupe genommen. 

 

Und warum ist der Umgang mit Digitalisierung für uns nun oft so herausfordernd? 5 Erkenntnisse von Mind the Progress.

 

1. Wir tauschen über Werbeplattformen Nachrichten aus 

Wenn man Dr. Constanze Kurz, Sprecherin des Chaos Computer Clubs, Europas größter Hackervereinigung, nach ihrer digitalen Utopie fragt, bekommt man eine eindeutige Antwort: „Eine utopische technische Welt wäre eine, die nicht von Werbekonzernen dominiert ist. Es sollte nicht der Standard sein, dass ich regelmäßig Plattformen nutze, die sich nur darum kümmern, mich zu Tracken, zu Regulieren und an ihre Werbekunden Plätze vermitteln, die mich dazu verführen, etwas zu kaufen. Meine Utopie wäre frei davon. Ich finde es keinen Zustand, dass es normal ist, dass wir über Werbeplattformen Nachrichten austauschen und uns unterhalten. Ich würde das gerne abgeschafft sehen. Aber ich weiß auch, dass es noch ein langer Weg dahin ist.“

Dr. Constanze Kurz: „Eine utopische technische Welt wäre eine, die nicht von Werbekonzernen dominiert ist."Dr. Constanze Kurz: „Eine utopische technische Welt wäre eine, die nicht von Werbekonzernen dominiert ist."

2. Digitalisierung ist bedeutsam 

Warum hatte die Digitalisierung so einen mächtigen Einfluss auf Gesellschaften weltweit? Philosoph Christian Uhle hatte bei Mind the Progress eine Antwort: „Der Grund ist, dass es eine Energie-Revolution war. Bis zur Industrialisierung haben Menschen vor allem Werkzeuge wie Hammer und Schaufel benutzt, die die Leistungsfähigkeit des eigenen Körpers verbessert haben. Die Muskelkraft dafür mussten sie, oder Tiere, allerdings selber aufbringen. Dann kam die Industrialisierung – Muskelkraft wurde durch die Verbrennung fossiler Energieträger abgelöst. Eine Revolution des Physischen! Bei der Digitalisierung passiert etwas ähnliches, aber auf der immateriellen Ebene. Da werden Prozesse, die im Gegensatz zur Muskelkraft kognitive Leistung erfordert von Datenverarbeitung-Programmen, künstlicher Intelligenz und Co. übernommen. Beispiel Autofahren: Straßenschilder sehen, blinken, die Situation einschätzen – die kognitive Energie, die wir hier aufbringen müssen, kann mittlerweile für uns übernommen werden. Das macht das Neue und das Krasse aus!“

 

3. Digitale Ethik ist ein politisches Randthema 

"Bei digitaler Ethik geht es darum, dass man prüft: Welche Dinge sind eigentlich juristisch erlaubt, aber trotzdem irgendwie nicht richtig. Ein Beispiel: Warum ist es eigentlich möglich, dass ich einfach blind auf AGB klicken kann innerhalb von 2 Sekunden und damit einen juristischen Vertrag abgeschlossen habe. Jeder fühlt ja: Das kann nicht ganz sauber sein.“ Autor, Schauspieler und Blogger Schlecky Silberstein wünscht sich eine Welt, in der das Thema digitale Ethik da ist, wo es hingehört – bei den "Sprengstoffthemen". „Da gehört mehr dazu als zu sagen ‘oh, Digitalisierung, Glasfaser muss verlegt werden, blabla‘. „Politik handelt ja erst, wenn eine gesellschaftliche Debatte ins Rollen gekommen ist.  Wenn das Thema in die Top 20 aufsteigt, befasst sich die Politik automatisch damit. Jetzt sind wir eher in den Top 90.“ 

Schlecky Silberstein: digitale Ethik darf kein politisches Randthema bleibenSchlecky Silberstein: digitale Ethik darf kein politisches Randthema bleiben

4. Werteorientierung kommt im Digitalen oft zu kurz 

Dr. Sarah Spiekermann-Hoff, Wirtschaftsinformatikerin an der WU Wien, interessiert sich für ethische Digitalisierung – und Lieferdienste. Nicht, weil sie so wenig Zeit zum Kochen hat, sondern weil sie einen Trend bei Essenslieferservicen beobachtet: „denen fliegt alles um die Ohren“. Was ihnen genau um die Ohren fliege: gestresste Radkuriere, die Betriebsräte bilden, sich krank melden und unzufrieden sind. Dafür, so Spiekermann, seien auf Optimierung programmierte Technologien schuld. „Die optimieren die Fahrten pro Kunde, wählen die schnellste Route, empfehlen Essen mit größter Marge, überwachen ihre Kuriere“ – und machen sie krank. Besser sei es "Value Based Engineering" anzuwenden, heißt Werte in den Mittelpunkt zu rücken und bei der Digitalisierung moralphilosophische Fragen zu stellen wie: Was passiert, wenn man so eine Technologie einführt? Was könnte der Service an tollen Dingen bringen, was an Schlechten? In Case Studies hat Spiekermann festgestellt: Die Orientierung an Werten befeuert Innovation. In den Studien ging die Anzahl der entwickelten Produktideen von 8 auf 13 und von 10 auf 16. „Ich glaube, dass ein Bewusstseinswandel hin zu einer Wertökonomie der nächste Schritt ist. Und diese Werte müssen in die tatsächliche Technik überführt werden."

Dr. Sarah Spiekermann-Hoff will Werte in den Mittelpunkt von Digitalisierung rückenDr. Sarah Spiekermann-Hoff will Werte in den Mittelpunkt von Digitalisierung rücken

5. Wir können das Lustzentrum unseres Gehirns nicht abstellen

Wir greifen nicht nur aus Lustempfinden zum Handy, sondern auch aus Angst. Das ist eine der Hauptthesen von Anna Miller, Journalistin und Gründerin des Digital Balance Lab. Grund dafür sei unsere Sehnsucht nach Verbundenheit. Je intensiver wir über unsere digitalen Geräte mit anderen in Interaktion gehen würden, umso größer sei auch unsere Angst, andere vor den Kopf zu stoßen und aus einem System herauszufallen. „Je unverbundener wir uns fühlen, umso mehr sind wir online. Je mehr wir online sind, umso unverbundener fühlen wir uns.“

Ihre Tipps für einen Weg hin zu einem ausgewogeneren Umgang mit dem Digitalen: Wissen warum: Anna Miller betont, dass digitale Medien nicht per se „böse oder gut“ seien. Wichtig sei es aber zu Fragen: Welche Funktion hat das gerade für mich? Digitale Medien könnten ein wichtiges Ritual, wie der wöchentliche Podcast beim Spaziergang, oder Werkzeug sein, um neue soziale Kreise erschließen – wie die Jogging-Gruppe auf Facebook. Auch das scheinbar ziellose „Rumscrollen“ könne ein wichtiges Ritual sein, wenn man sich bewusst dafür entscheide. Handy weg vom Körper: „Du kannst es nicht schaffen, das Lustzentrum des Gehirns abzustellen“, erklärt die Journalistin. Deshalb ihr Apell: Handy weg vom Körper! Ins Gespräch kommen: Die Art und Weise wie wir unsere Handys nutzen, habe sehr viel mit unseren Beziehungen, Glaubensmustern und Bedürfnissen zutun. Wir sollten also über digitales Nutzungsverhalten mit unseren Mitmenschen sprechen und Regeln bestimmen, damit die eigene Alarmbereitschaft heruntergesetzt werden könne.

Anna Miller hat das Digital Balance Lab gegründetAnna Miller hat das Digital Balance Lab gegründet

Diese 5 Impulse sind nur ein Bruchteil der Positionen, die bei Mind the Progress eingenommen wurden. Waren unter anderem auch dabei: Ulf Buermeyer, Jurist und Host des Podcasts "Lage der Nation" und Jaron Lanier, bekannt aus dem Netflix-Dokumentar-Film "The Social Dilemma". Folgt uns auf unseren Kanälen, um im Gespräch zu bleiben und Mind the Progress 2022 nicht zu verpassen! 

Fotos: Selim Sundheimer 

 

Über Mind the Progress

Mind the Progress ist ein Kongress, der einmal im Jahr Impulse für eine digitale Zukunft gibt. Wir fragen: Was können wir heute für eine positive digitale Zukunft tun? Mind the Progress antwortet. 

 

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